Das Arbeitsjournal

Der Weg ist das Ziel und ohne Weg kein Ziel. Junge Menschen wollen sich Kenntnisse in der Mathematik aneignen. Wollen sie das wirklich? Sie haben doch kaum eine Ahnung darüber, was Mathematik alles bieten kann. Es ist doch vielmehr so, dass Mathematik ein Fach ist, das für die spätere schulische Karriere wohl von grosser Bedeutung sein wird. Diese Motivation ist eindeutig extrinsisch.

Der intrinsisch motivierte Mensch kann sich völlig in seiner Beschäftigung verlieren, er vergisst Raum und Zeit und ist ganz bei sich. Intrinsisch motivierte Tätigkeiten machen Spass, sie stärken den Glauben ans eigene Können und das Gefühl, das eigene Leben zu kontrollieren.

Da stecken wir im Dilemma: Gehen wir jetzt plötzlich Kompromisse ein und arbeiten mit Versprechen, in unserem Fall das Versprechen, dass wenn der Schüler die Mathematik ernst nimmt, ihm dann der Einstig in seinen Traumberuf leichter möglich sein wird? Es ist aber klar, dass es nicht darum geht, „sich in seiner Beschäftigung zu verlieren“, sondern ganz einfach zu überleben. Dazu gehört nun einmal auch das Nützlichkeitsdenken. Der Schüler findet also die vorerst mühsame Beschäftigung für seine Zukunft nützlich, er beugt sich den Forderungen der Umwelt, passt sich ihr an und wird später in der Lage sein, diese Welt mitzugestalten. Ob dies nun Lust macht, ist vorerst unwichtig. Allerdings steigt bei der Auseinandersetzung die Wahrscheinlichkeit, dass der Lernende von mathematischen Inhalten fasziniert wird. Lust ist dann eine energetische Nebenerscheinung, die ihm das Überleben in einer uns unbekannten Zukunft einfacher macht. Im Prinzip aber lernt das Kind zu unterscheiden zwischen dem, was ins Unglück führt, und dem, was davor bewahrt. Ist das nicht das Ziel aller Erziehenden? Es macht aber kaum Sinn, wenn nur die Erwachsenen diese Unterscheidung treffen können, Kinder können in diese Selbstständigkeit hineingeführt werden, und das verlangt von ihnen die Möglichkeit, selber Entscheide treffen zu können.

Um die praktische Umsetzung an einem Praxisbeispiel zu erleben, können wir der Klasse von Melanie (Name zufällig) einen Besuch abstatten. Sie ist Lehrerin an der REOSCH.Arbeitsjournal

Es ist Montagmorgen, der Wochenplan wird verteilt und die Schüler wissen, dass der Montag gefahrlos ist, dass sie aber nicht alles bis Freitag aufschieben dürfen. An diesem Tag ist Kai (Name zufällig) immer etwas nervös, denn er hat die Aufgabe des Klassenchef in der 10. Klasse wahrzunehmen. Das wissen auch all die andern, sie wollen ihrem Mitschüler das Leben nicht unnötig schwer machen. Der Klassenchef wechselt täglich und hat die Aufgabe, zum Beispiel Verspätungen zu notieren. Wenn alle Schüler arbeiten, holt er die Lehrkraft. Also schaut Kai in die Runde: Sind alle Arbeitsjournale, ihre Unterlage für die Wochenplanung, auf den Tischen? Ist der Raum gelüftet? Die Fenster geschlossen? Jetzt sitzen alle ruhig an ihren Plätzen. Kai holt im Lehrerzimmer die Lehrerin: „Wir sind bereit.“ Zusammen betreten sie nun das Klassenzimmer. Melanie begrüsst jedes einzelne Kind, teilt den Wochenplan aus und gibt Erläuterungen. Sie schreibt die Fixpunkte an die Tafel: 10.20 bis 11 Uhr Konzentrationsübungen, 13 Uhr kurze Einführung in das Geografie-Thema. Für alle gibt es gruppenweise viertelstündige mündliche Trainings in Französisch. Die Kinder stellen noch einige Fragen und beginnen mit der Planung der ersten zwei Lektionen. Kai ist in der Zwickmühle. Eigentlich möchte er gerne den Aufsatz beginnen, der diese Woche gefordert ist. Er weiss, zwei Stunden würden reichen. Aber er weiss auch, dass die Mathematikaufgaben nicht aufgeschoben werden dürfen, sonst passiert es wieder, dass Mathematikaufgaben zu Hause gelöst werden müssen. Wen sollte er dann bei Problemen um Hilfe bitten? Also, keine Rosinen picken. Kai schaut sich im Buch die Aufgaben an und entschliesst sich, in den verbleibenden 50 Minuten bis zur Pause die erst Seite zu lösen. Er trägt das ins Journal ein und beginnt zu rechnen.

Das Thema ist nicht ganz einfach, hin und wieder muss er die Hilfe der Lehrerin beanspruchen. Den Nachbar will er lieber nicht stören, er ist gerade in eine Grammatikübung vertieft. Im Nu ist es zehn Uhr. Bevor Kai in die Pause geht, trägt er noch die Anzahl gelöster Aufgaben ins Arbeitsjournal ein. Es sind mehr, als er geplant hat. Er muss sie zwar noch korrigieren, aber er ist überzeugt, dass die Resultate stimmen werden. Die Woche fängt wirklich gut an.

Dieser kurze Schulbesuch zeigt eine Situation, in der die Kinder Lernsituationen antreffen, die von ihnen Entscheide fordern. Die Lehrerin geht davon aus, dass der Schüler oder die Schülerin lernen will, deshalb der Auftrag des Klassenchefs, sie zu holen. Den Wochenplan gibt Melanie schriftlich ab, weil er durch die verschiedenen Leistungsgruppen recht umfangreich wird. Am Anfang brauchten die Schüler und Schülerinnen am Montagmorgen jeweils genauere Einführungen, bald aber haben sich Rituale entwickelt, jetzt wissen sie genau, was von ihnen erwartet wird. Auch die Lehrerin achtet darauf, dass günstige Rhythmen entstehen. Abwechslung im Unterricht kann hilfreich sein, kann aber auch zu Verzettelung führen. Auch musste Melanie am Anfang ihres stark individualisierenden Unterrichtes darauf achten, dass sie beim Benennen der verschiedenen Gruppen nicht wertende Adjektive „höhere“, „untere“ oder gar „schlechtere“ brauchte. Integration macht nur Sinn, wenn in einer Klasse die Leistungen untereinander nicht verglichen werden. Es macht aber durchaus Sinn, wenn ein Schüler seine Leistung von dieser Woche mit derjenigen der letzten Woche vergleicht und dabei seine eigene Leistungssteigerung anstrebt.

Das einzig Gemeinsame ist die Lernumgebung. Durch das Fehlen eines unmittelbaren Inputs von der Lehrerin – der Wochenplan ist nur die Auflistung der Inhalte, die während der Woche erarbeitet werden müssen – wird das Kind in ein „Ungleichgewicht“ geführt. Wir haben gesehen, wie Kai am Anfang nicht recht wusste, womit er beginnen sollte. Der Hirnforscher Daniel Siegel nennt das die „kreative Ungewissheit“ (Daniel J. Siegel: Das achtsame Gehirn, Freiamt im Schwarzwald, 2007, S. 294).

Kai musste sich erst orientieren. Achtsam hat er sein Umfeld ausgelotst, hat sich schliesslich entschieden. Dieser Ansatz ermutigt den Schüler, eigene Perspektiven zu schaffen und somit auch eigene Denkweisen zu entwickeln. Die Vorgehensweise lasse Menschen bald erkennen, dass das Ergebnis ihrer Erfahrung (erfolgreiches Lösen der Mathematikaufgaben) teilweise durch ihre eigene Einstellung geprägt wird (keine Rosinen picken). Statt unter dem Gefühl zu leiden, nicht auf den Prozess einwirken zu können, geben solche Hinweise Menschen die Freiheit, engagiert zu sein und das Gefühl zu haben, das Geschehen mitzubestimmen.Aufträge und Lernkontrollen Mathematik

Vergessen wir nicht, die Schule ist ein Ort des Lernens. Das Handwerk des Steuermannes will geübt sein, es kann perfektioniert werden – und doch befinden wir uns auf fliessendem Gewässer. In Turbulenzen Sicherheit zu gewinnen, das ist das Lernziel. Und was ist mit den schulischen Inhalten, mit dem Lehrplan? Mathematik, Sprachen, Naturwissenschaften, das sind wichtige Fokusse im Unterricht. Planung, Durchführung und Kontrolle haben auch im achtsamen Lernen ihre Bedeutung. Nur sind dabei die Aktivitäten etwas anders verteilt. Schauen wir doch bei Kai in die Schulstube. Am Dienstag bei Unterrichtsbeginn stellt er fest, dass er sein Mathematikprogramm erfüllt hat. Er holt die Lösungen und korrigiert seine Arbeit. Aus Erfahrung macht er das sehr genau, denn auf die Übung folgt die Lernkontrolle. Unstimmigkeiten klärt er alleine oder mit Hilfe der Lehrerin.

Kai trägt die Arbeit ein. Er ist mit sich zufrieden und gibt sich ein „gut erfüllt“. Mit dem Arbeitsjournal und dem Arbeitsheft begibt sich Kai zur Lehrerin. Sie schaut sich die Arbeit an, stellt hin und wieder Fragen, stellt fest, dass Kai alles verstanden hat, und fragt, warum er seine Arbeit nicht mit „übertroffen“ bewertet habe. „Vielleicht hätte ich das wirklich verdient, aber ich möchte das lieber aufsparen auf die Lernkontrolle. Eigentlich bin ich dazu bereit und heute Nachmittag hätte ich Zeit.“ Melanie gibt ihm den Test, den Kai aber bis zum Nachmittag im Pult verschwinden lässt, obwohl er jetzt schon eine Spannung spürt. Wird er es wirklich schaffen? Die Lehrerin ist schliesslich dafür bekannt, dass sie eher anspruchsvolle Tests verteilt, in denen immer auch ungewohnte Denkaufgaben eingestreut sind.

Am Nachmittag ist es so weit. Kai begibt sich in den Ruheraum, wo er ungestört arbeiten kann. Schon nach zwei Lektionen ist Kai wieder mit seiner fertigen Arbeit im Klassenzimmer. Er legt fest, wie viele richtige Lösungen es braucht, um sich ein „Übertroffen“ zu geben. Auch jetzt korrigiert Kai seine Arbeit selber und bewertet sie. Es hat geklappt, alles stimmt. Beim Durchschauen der Arbeit achtet Melanie darauf, dass sie nicht „positiv verstärkt“, sondern die Realität kommentiert. Also nicht „sehr gut“, sondern „Auch diese Aufgabe ist richtig gelöst. Aha, deine Darstellung macht Sinn, da merkt man sofort, was du gedacht hast”

Der Klassenunterricht hat selbstverständlich auch beim achtsamen Lernen seinen Platz. Sprachen werden möglichst zuerst mündlich trainiert, bevor es ans Lesen und Schreiben geht. Die Lehrerin macht es sich zur Gewohnheit, zu mündlichen Trainings „einzuladen“, was wiederum eine Entscheidung vom Schüler abverlangt. Dieser merkt jedoch bald, dass ihm das Lernen von Vokabeln leichter fällt, wenn auf spielerische Weise gemeinsam geübt werden darf.

Erfahrene Schüler und Schülerinnen merken bald, dass das Wissen der Lehrerin angezapft werden kann. Da steht im Wochenplan, dass ein Eintrag zu den Ursachen, die zum Ersten Weltkrieg geführt haben, verlangt wird. Die Seiten im Geschichtsbuch, die zu lesen sind, sind im Wochenplan vermerkt. Am Nachmittag, wenn sich eine Müdigkeit breit macht, regt eine Schülerin an, Melanie könnte doch das Geschichtsthema einführen. Sie hat gar nichts dagegen und lädt sie in den Kreis ein. Und alle finden sich ein, denn Einführungen sparen Zeit und Energie. Statt aktiv lesen zu müssen, können die Schüler die wichtigsten Details direkt aus dem Vortrag der Lehrerin ableiten. Das weiss auch Melanie, sie möchte aber keine Konsumenten vor sich haben. Aus Erfahrung weiss sie, dass dann die Müdigkeit bei den Kindern doch über Hand nimmt und die Achtsamkeit schnell mal schwinden kann. Um diese Achtsamkeit wieder anzukurbeln, meidet Melanie absolute Aussagen. Sie sagt nicht: „Der Wettlauf um die Weltherrschaft war eine wichtige Ursache des Ersten Weltkrieges.“ Sie bemüht sich, bedingte Aussagen zu machen: „Der Wettlauf um die Weltherrschaft könnte eine wichtige Ursache des Ersten Weltkrieges gewesen sein.“ Das lässt die Kinder aufhorchen. War es eine Ursache, oder war sie es doch nicht? Ein kleines Ungleichgewicht, eine Unsicherheit, die die Aktivitäten des Gehirns ankurbeln kann. Daniel J. Siegel formuliert das so: „Wenn unser Geist sich an etwas festhakt, das er als absolut ansieht, dann geht das auf eine ganz andere Weise in unseren Gedächtnisspeicher ein als es der Fall wäre, wenn wir uns an die Kontexte und Bedingungen, in denen das, was wir gerade gelernt haben, vorsichtig herantasten würden. Es ist für Lehrkräfte recht einfach, diese Sprache im Unterricht auszuprobieren. Es sind Begriffe wie: könnte, kann sein, beinhaltet möglicherweise, kann gelegentlich, könnte beinhalten, kann haben, könnte gewesen sein.

Das Arbeitsjournal dient letztlich dazu, die Schüler und Schülerinnen beim achtsamen Lernen Strukturen zu bieten. Hinter diesen Strukturen stehen Haltungen der Lehrkräfte. Würde eine Lehrkraft zu Selektionsdenken neigen, dann würde das Arbeitsjournal wohl in erster Linie als Druckmittel gebraucht. Das könnte beispielsweise zu Auseinandersetzungen zwischen Schüler und Lehrerin bei der Bewertung der Arbeiten führen. Recht haben wollen schränkt ein – auf beiden Seiten, Möglichkeiten ins Auge fassen, weitet den Horizont, die Aussicht wird klarer. Mit dem Wochenplan und dem Arbeitsjournal allein ist es also noch nicht gemacht, beide Instrumente könnten dazu missbraucht werden, junge Menschen an eigenen Entscheidungen zu hindern. Hinschauen und entscheiden, das führt zu Reflexion.