Das Einzelgespräch

Wo stehe ich? Wie gehe ich? Wie werde ich wahrgenommen? Diesen Fragen wird im wöchentlichen Coaching-Gespräch zwischen Lehrer und Schüler Raum gegeben. Beobachten wir, wie Kai es wahrnimmt:

Heute muss ich wieder mal warten, denn vor mir hat Bettina offenbar viel zu besprechen. Also kann ich die Zeit nutzen, etwas Ordnung in meinem Regal zu schaffen. Endlich kommt Bettina aus dem Sprechzimmer und ich nehme Energietagebuch und Arbeitsjournal und begebe mich damit zu Melanie, meiner Lehrerin. Wie immer nimmt sie zuerst das Energietagebuch und geht die Aufzeichnungen schweigend durch. Hin und wieder wirkt ihre Mimik belustigt. Was mag sie gerade gelesen haben? Nun stellt sie doch noch eine Frage: “Du fühlst dich am Montag immer müder als sonst. Das ist eigentlich nicht ganz logisch. Findest du Gründe für deine Müdigkeit?” “Das habe ich mir auch schon überlegt”, erwidere ich ihr, “ich finde aber keinen Grund. Der Sonntag verläuft in unserer Familie eher ruhig, am Morgen schlafe ich jeweils bis 10 Uhr aus. Mich dünkt, dass ich am Montag immer zuerst meinen Motor in Gang setzen muss, bis ich endlich wieder auf Touren komme.” Die Lehrerin rät mir, genau auf dieses Phänomen zu achten. Vielleicht könnte ich kleine Veränderungen vornehmen, zum Beispiel mal sehen, was sich zeigt, wenn ich am Sonntag weniger lang schlafe und vielleicht die Zeit zu einer Fahrradtour nutze. Die Begeisterung für diesen Vorschlag hält sich bei mir in engen Grenzen. Dass ich gerne ein Faulpelz bin, sage ich ihr jetzt nicht.

Im Arbeitsjournal sucht Melanie zuerst ihre Bemerkung der letzten Woche. „Aha, du hast jetzt deine Rückstände in der Geografie in die Planung aufgenommen und schon etwas aufgeholt. Haben sich deine Widerstände noch nicht gelegt?“

„Eigentlich macht mir das Fach keine großen Probleme“, entgegne ich, „aber die zwei Schnupperwochen haben Lücken hinterlassen. Ich habe der Mathematik ein grösseres Gewicht gegeben und bin dran geblieben. Da musste halt etwas dran glauben.“

Wenn sie nun ja nicht auf die Idee kommt, ich könnte das am Sonntagmorgen nachholen und sie dies sogar ins Journal einschreiben sollte, und die Eltern es lesen würden… nein, dann doch lieber eine Fahrradtour.” Aber nichts von all dem. Dass ich auf gutem Weg sei, zeige ja meine Planung. „Mach es so, wie es für dich stimmt, aber mach es.“ Typisch. Aber bei mir wirkt so was. Wenn mir jemand Verantwortung gibt, dann muss ich sie wahrnehmen.

Und genau darum geht es im Wochengespräch. Der Schüler oder die Schülerin soll wissen, für was er zuständig ist. Die Lehrkraft vermeidet es in der Regel, allzu genaue Forderungen zu stellen, sondern weißt auf Stimmigkeiten und Mängel hin. Das Lernen ist schliesslich die Angelegenheit des Schülers. Auseinandersetzungen dürfen aber nicht aus dem Weg gegangen werden. Wenn sich die Lehrkraft etwas davon verspricht, kann sie auch klare Forderungen stellen.

Im Arbeitsjournal ist Platz für Lehrerkommentare, die selbstverständlich den Eltern zugänglich sind. Und auch für sie ist ein Platz reserviert, in dem sie Bemerkungen für ihr Kind oder die Lehrerin anbringen kann.

Die Lehrperson ist immer offen für Elterngespräche. Der Schüler muss dann seine Hauptrolle wahrnehmen; er kommentiert anhand des Arbeitsjournals seine Leistungen, seine besonderen Herausforderungen, erzählt, wie er das Mentaltraining oder die Kampfkunst erlebt, wie die Klasse und die Lehrer und Lehrerinnen. Anschliessend äussert sich die Lehrperson, sie vergleicht ihre Wahrnehmungen mit denen des Schülers. Die Eltern schliesslich berichten, wie sie ihr Kind zu Hause erleben, erzählen von ihren Sorgen und Hoffnungen. Am Schluss des Treffens muss immer entschieden werden, ob es irgendeine Richtungsänderung braucht, wer dafür zuständig ist und wie die Kontrolle aussehen soll. Wie häufig Elterngespräche stattfinden sollen, wird nicht reglementiert. Deshalb variieren sie von einem bis zu zehn Gesprächen im Schuljahr. Dabei wird auch das Telefon und das Internet für den Informationsaustausch rege benutzt.