Das Energietagebuch

Wer bin ich? Was will ich? Wo will ich hin? Und wie geht es mir dabei? Gerade junge Menschen können sich auf der Suche nach der Identität richtiggehend verlieren. Auf der einen Seite sind die Fragen nach unserem Sein von grösster Bedeutung, auf der andern Seite sind es eben doch Fragen, die sich immer wieder neu stellen, sich immer wieder anders beantworten lassen und das Gefühl vermitteln können, ausgeliefert zu sein. Kein Wunder, wenn sich Menschen diesen Fragen gar nicht mehr stellen wollen, was auch kein leichtes Unterfangen ist. Ablenkungen, Zerstreuungen und Drogen können eine Scheinidentität aufbauen, die offenbar Erleichterung bringt.

Achtsam sein bedeutet aber, eben auf diese Fragen zu achten, zu beobachten, wie auch die eigenen Ansichten, Gefühle, Stimmungen und sogar das Gefühl von Identität sich wandelt. Das hört sich schon interessanter an, man kann sozusagen eine andere Warte einnehmen. Und vor allem gelingt das nur, wenn man ohne Urteile diesen Beobachterposten einnimmt.

An der REOSCH führen alle Schüler und Schülerinnen ein Energietagebuch. In der Regel ist es ein einfaches Schulheft, das nicht auffallen sollte, denn der Inhalt ist geheim. Es geht niemanden etwas an, was da drin steht, weder die Mitschüler noch die Eltern. Einzig der betreuenden Lehrkraft wird es beim Betreuungsgespräch vorgelegt, aber auch das muss er nicht unbedingt. Die Lehrkraft darf bei Kollegen und Kolleginnen nicht auf ein Energietagebuch Bezug nehmen. Was immer auch der Schüler schreibt, es kann nie Sanktionen nach sich ziehen.

Immer 10 bis 15 Minuten vor Schulschluss verlangt der Lehrer Stillschweigen im Klassenzimmer. Die Kinder machen ihre Einträge ins Tagebuch. Wer damit fertig ist, räumt nicht auf, sondern wartet. Diese Viertelstunde ist immer ein eindrückliches Ritual.

Die Schülerinnen und Schüler schreiben zum Beispiel Sätze wie „Heute war ich besonders motiviert und schaffte viel mehr als ich mir eigentlich vorgenommen habe.“ Oder: „Diese Woche war nicht so gut, weil es zu Hause ziemlich viel Stress mit meinen Geschwistern gab, das hat mich auch mit runter gezogen.“ Oder: „Mir geht es eigentlich gut. Ich muss mich weiter anstrengen, am Wochenende nicht wieder anfangen zu rauchen, wenn ich mit meinen Freunden zusammen bin.“ Oder: „Heute Morgen nach den Ferien hatte ich keine Lust. Als ich mit der Arbeit begonnen habe, bemerkte ich, dass ich mich die letzten drei Wochen hin und wieder gelangweilt habe. Wenn ich jetzt das Tagebuch schreibe, habe ich gespürt, dass der Tag sehr schnell vergangen ist, schneller als ein Ferientag.“ Oder: „Ich komme mit dem Stoff in Geschichte immer noch nicht zurecht, bin drei oder vier Einträge hinter den anderen nach. Das beunruhigt mich.“ Oder: „Am Dienstagnachmittag sind wir spazieren gegangen. Normalerweise hätten wir keine Zeit dafür, aber ich habe es sehr genossen.“

Auch das Führen dieses Energietagebuch ist ein Prozess. Bei neuen Schülerinnen kann man die Überforderung geradezu ansehen, während erfahrene in dieser Viertelstunde ihre Mimik häufig ändern. Offenbar sind sie über Phänomene des Schullebens selber erstaunt, vorausgesetzt, sie werden ihnen bewusst. Bei den Schülergesprächen merkt man am Anfang oft noch nicht viel von Reflexion, doch dann werden auch Widerstände, Erfolge, Mutlosigkeit, oder das Erleben, wenn eine Aufgabe erfolgreich gelöst wurde zum Thema werden, wird bald einmal Betroffenheit sichtbar. Im Schülergespräch, bei dem auch das Energietagebuch auf den Tisch kommt, hat die Lehrkraft die Möglichkeit, die Art der Reflexion zu kommentieren, Bewertungen sollten dabei möglichst vermieden werden, was aber nicht heisst, dass auch hier Auseinandersetzungen stattfinden und Prozesse eingeleitet werden können. Die Lehrerin kann ihr Erstaunen über die Banalität des Tagebucheintrages ausdrücken, oder nachfragen oder gar ähnliche eigene Situationen schildern. Das Ganze hat nichts mit Kontrolle oder gar Neugier zu tun. Aber wir wissen, dass, wenn es Probleme gibt, sind diese meist emotionaler Art. Wenn ich als Lehrer zum Beispiel diese Eintragungen lese, dann mache ich mir ein Bild über die derzeitige Situation des Jugendlichen und kann gezielter nachfragen. Das Gespräch wird dadurch auf ein Thema hingeführt, das möglicherweise eine Blockade bedeutet.

Die Energietagebücher der Lehrer sind ausschließlich privat.

Das Energietagebuch der Schüler wird nur von dem jeweiligen Schüler und dem betreuenden Lehrer angeschaut, auf keinen Fall von den Eltern. Für die sind diese Einträge geheim. Und auch wenn ein Schüler zu seinem Lehrer sagt „Diesen Absatz solltest du besser nicht lesen“, dann wird dieser Wunsch selbstverständlich respektiert.