Das Mentaltraining

Entscheiden aufzutauchen, einzutauchen, hinzuschauen. Am Anfang steht immer die Entscheidung. Entscheiden, das ist eine Fähigkeit, und die kann mit Mentaltraining geübt werden.

Entscheiden ist eine Fähigkeit, die geübt werden kann.

Wenn wir entscheiden aufzutauchen, verlangt das höchste Konzentration und absolut zuverlässige Wahrnehmung. Nur was ist, zählt, nicht was man sich vorstellt, schliesslich gilt es, sich an reale Bedingungen anzupassen, nicht an vorgestellte.

Wenn wir die jungen Menschen auf die Möglichkeit aufmerksam machen wollen, die eigene Welt zu gestalten, sich darin ihren Platz zu erarbeiten und sich im Entscheiden frei zu fühlen, dann dürfen sie auch das Recht haben, jederzeit zu entscheiden die Welt selber wahrzunehmen, möglicherweise ohne konkretes Ziel, einzig und allein deshalb, weil das Phänomen interessiert. Wer in die Welt der Phänomene eintauchen kann, ist wahrscheinlich auch in der Lage, diese wieder zu verlassen, um den Überblick zu gewinnen. Ein Mensch, der das kann, gewinnt an Selbstständigkeit. Wenn er dabei Suggestionen sinnvoll findet, dann ist es seine Entscheidung und übt seine Vorstellungen und nicht die seiner Mitmenschen. „Wenn du willst, dass dein Mitmensch nicht mehr hungert, schenk ihm keinen Fisch, sondern eine Angelrute und lehre ihn, wie man Fische fängt.“ Dieser Satz kann als Grundsatz der ressourcenorientierten Pädagogik verändert werden: „Wenn du willst, dass Menschen ihre Zukunft selber gestalten, dann versprich ihnen nicht Reichtum und Erfolg, sondern lehre sie Achtsamkeit und Entscheidungsfreude.“

Wenn du willst, dass Menschen ihre Zukunft selber gestalten, dann versprich ihnen nicht Reichtum und Erfolg, sondern lehre sie Achtsamkeit und Entscheidungsfreude.

Was das bedeutet, beschreibt Daniel Siegel im „Bewusstseinsrad“ (Daniel J. Siegel: Das achtsame Gehirn, Freiamt im Schwarzwald, 2007, S. 105 ff). Er nimmt das Rad als Metapher für verschiedene Aspekte der Aufmerksamkeitserfahrung. Er unterscheidet dabei Nabe, Rand und Speichen.

[DAS RAD]

Der Rand des Rades symbolisiert die physische Realität (die fünf Sinne), alles was wir im Körper empfinden können (6), die geistigen und emotionalen Aspekte (7) und schliesslich der Aspekt für unsern Sinn für Beziehung, unsere Verbundenheit mit andern Wesen (8).

Die Speichen sind Symbol für das absichtliche Fokussieren auf den Rand. Ich kann mich konzentrieren und die Ohren ganz bewusst „öffnen“ für Geräusche. Diese Geräusche werden mir jetzt bewusst, Geräusche, die ich ohne Fokussierung möglicherweise gar nicht gehört hätte. Ich kann auch anders vorgehen, indem ich aufmerksam lausche, ob ich nicht etwa das Gezwitscher von Vögeln höre. Oder ich konzentriere mich auf den Atem um zu erfahren, wie er sich anfühlt. Wege öffnen sich. Das macht den „Umgang“ mit geistigen Tätigkeiten interessant. Ich kann ganz bewusst an meine Tochter denken, die jetzt in der Schule eine Prüfung ablegt. Ich kann aber genauso darauf achten, welche Gedanken kommen, wenn ich keinen bestimmten Gedanken fokussiere. Da mache ich fantastische Entdeckungen, wenn ich gar nichts denken will und mich nur auf den Atem fokussiere. Da kann es vorkommen, dass immer der gleiche Gedanke auftaucht, der mich richtiggehend besetzt. Abwimmeln hilft nicht, also betrachte ich ihn interessiert, offenbar genau das, was der Gedanke will, denn in der Regel lässt er mich dann in Ruhe. Wenn wir uns überlegen, dass wir täglich so um die 10’000 Gedanken haben, von denen mindestens 9’000 immer die gleichen sind, dann gewinnen wir eine enorme Freiheit, wenn wir das Geplapper loswerden.

Die Nabe des Bewusstseinsrades beinhaltet die Fähigkeit zu fokussieren, das Ziel der Aufmerksamkeit im Auge zu behalten oder aber den Fokus der Aufmerksamkeit bewusst zu verändern. Die Nabe kann also ganz gezielt Elemente aus dem Rand aufnehmen, sie kann aber auch ganz einfach offen sein für alle Stimuli, die am Rand auftauchen. Sie kann auch Stimmungen und Gedanken beobachten, diese reflektieren um dann festzustellen, dass auch diese sich immer wieder verändern. Alles fliesst.

Diese Fähigkeit des Fokussierens kann geübt und gelernt werden. Die über zweitausend jährige Geschichte der Meditation und der daraus resultierende Erfahrungsschatz ist eine Grundlage dieser Behauptung, die andere ist die Hirnforschung.

Das ressourcenorientierte Menschenbild stellt Ressource, Kompetenz und Leistung als Einheit dar. Das beinhaltet die Annahme, dass die Kompetenz durch üben aufgebaut werden kann. Zentrale Kompetenz ist die exekutive Aufmerksamkeit. Der Mensch lernt, seine Aufmerksamkeit selber zu steuern.

Es gibt verschiedene Namen für diese Übungen: Konzentrationsübungen, Meditation oder Mentaltraining. Wir haben letzteren gewählt, weil er inhaltlich noch nicht richtig definiert ist, wir also die Gelegenheit haben, den Begriff zu „füllen“. Eine wichtige Grundlage der Übungen ist die Vipassana-Meditation. Vipassana wird heute auch als Sammelbegriff für die frühbuddhistischen Praxismethoden und die sie vermittelnden Traditionen verwendet, in deren Zentrum die systematische Entwicklung von Achtsamkeit steht. Der Atem ist – wie auch bei andern Übungen – ein grundlegender Bestandteil unserer Fokussierung. Die Atmung wird durch tiefe Stammhirnfunktionen ausgelöst. Er kann aber auch intentional sein. Wenn ich nicht daran denke, atmet „es“ trotzdem. Ich kann aber den Atem beeinflussen, etwa durch das Intervallatmen. Ich kann aber auch interessiert beobachten, wie der Atem kommt und geht und trainiere dabei die Nabe. Ich werde selbstverständlich immer wieder durch Gedanken oder Gefühle abgelenkt; sobald ich das merke, finde ich zurück zum Beobachten meines Atems. Im Verlaufe einer Übung kann ich feststellen, dass ich weniger abdrifte oder ich bin vielleicht gar in der Lage zu beobachten, was „es“ in mir so denkt und fühlt.

Wer sich auf das Mentaltraining einlassen will, begibt sich auf den Weg. Und der Weg ist der Fokus der Lehrerin, des Schülers und möglichst auch der Eltern. Die ersten Erfahrungen machen aber immer die Erziehenden selber, das heisst jeden Tag üben, beobachten, reflektieren, und erst jetzt macht es Sinn, Jugendliche im Mentaltraining zu begleiten. Wer selber im Training geübt ist, lehrt die Übungen mit grosser Selbstverständlichkeit. Das macht den Einstieg einfach, auch wenn die Kinder oder die Jugendlichen das erste Mal an einem Training teilnehmen. Auch merkt man schnell, dass der Trainer alle Zeit hat. Die Formulierungen werden selbstverständlich, passen sich fast wie von selber den Umständen an, es stellt sich ein Zustand grosser Wachheit ein.

Um ganz klar zu sein: Im Mentaltraining wird das Fokussieren trainiert. Auf den Atem zu achten, ist inhaltlich “neutral”, sich bewusst auf bestimmte Sinne zu konzentrieren hat schon eher eine Annäherung an den funktionalen Alltag, ein Nutzen für die Leistung kann abgeleitet werden. Sich mit den täglichen Situationen des Lernens bewusst auseinandersetzen, ist selbstverständlich auch ein Ziel. Je besser die “Nabe” trainiert ist, desto leichter fällt das Lernen.