Das Trekking

Das moderne Leben bietet jeden Komfort. Die Ernährung verliert durch ihre Verfügbarkeit an Bedeutung, die Bekleidung ist durch ihre Multifunktionalität zur Nebensache geworden und die Mobilität scheint dem modernen Menschen grenzenlos zu sein. Das alles wird für ihn so selbstverständlich, dass er Alternativen gar nicht kennt und er sich möglicherweise gar nicht überlegt, dass dies nicht immer so war und auf dieser Welt nur eine Minderheit von diesem Luxus Gebrauch machen kann.

Sich aus diesem Komfortbereich herauszunehmen, birgt unzählige Erlebnismöglichkeiten in sich. Das Leben findet nun plötzlich wieder unmittelbar statt, man merkt, dass man aufeinander angewiesen ist und dass eine gute Portion an Vor-Sicht hilfreich sein kann. Und dann fühlt man etwas höchst Spannendes, etwas Außergewöhnliches und Prägendes, nämlich Abenteuerlust.

Das Trekking gehört an der REOSCH zum Programm der Neunt- und Zehntklässler, thematisiert wird es aber bei jedem Aufnahmegespräch. Die neuen Schüler und Schülerinnen ahnen, worauf sie sich einlassen. Es findet die letzten zwei Schulwochen statt, also Ende Juni Anfangs Juli. Es gilt die Regel, dass die Jugendlichen das Geld fürs Trekking selber aufbringen müssen. Ist wenig Geld vorhanden, werden die Klassen eben über die nächsten Berge wandern, ist mehr vorhanden, reicht es für eine Tour nach Südfrankreich oder gar in die Pyrenäen mit anschliessenden Erholungstagen am Mittelmeer.

Als Klassenlehrer der 10. Klasse thematisiere ich das Trekking bereits im ersten Quartal. Ich erkläre den Schülern und Schülerinnen, dass es Bestandteil von Diplom drei ist. Vorderhand sind zwei Dinge von Bedeutung: Geld einbringen und mit dem körperlichen Ausdauertraining beginnen. Letzteres beginnen wir mit einer Wanderung. An einem Herbsttag treffen wir uns um 9 Uhr in Thun. Ziel ist Bern. Was die 30 Kilometer dazwischen bedeuten, das interessiert noch niemanden. Die Stimmung ist gut, schliesslich fällt ein Schultag aus und auch für Gespräche wird endlich genügend Zeit sein.

Zwei Schüler aus der Region erhalten den Auftrag, zu führen, als Lehrer wandere ich mit einer Kollegin am Schluss. Ich bin immer wieder erstaunt, mit wie wenig Widerstände die jungen Menschen wandern, diese kommen erst etwa um die Mittagszeit. Sie merken, dass die Kilometer sich in den Beinen bemerkbar machen, das Tempo muss zurückgenommen werden. Den Schwächeren helfen, langsamer werden, sich in Geduld üben, das wird mehr und mehr zur Herausforderung. Gegen vier Uhr nachmittags ist es dann so weit, müde und glücklich kommen wir in Bern an.

Am folgenden Tag wird das Ereignis in der Schule analysiert. Wo hatte ich Widerstände? Wie konnte ich mich und andere aufstellen? Und wie fühlte ich mich am Abend? Sich all das zu merken, ist sehr hilfreich, denn man merkt bei Wiederholungen, dass sich alles irgendwie anders abspielt. Auch negative Erfahrungen müssen sich nicht wiederholen. Mit dieser Erkenntnis kann ich gut den inneren Optimismus füttern.

Der nächste Schritt ist der Sponsorenlauf. Es gilt, auf der Finnenbahn in einer Stunde so viele Runden von 600 Metern wie nur möglich zu rennen. Die Schüler suchen nun Sponsoren, die zum Beispiel für jede gelaufene Runde einen Franken spendieren. Das ist eine gute Motivation, sich dann beim Lauf entsprechend einzusetzen.

Jetzt können wir ungefähr abschätzen, wie viel Geld zur Verfügung stehen wird. Die Jugendlichen dürfen nun selber an die Planung gehen, die von den Lehrkräften berücksichtigt wird, wenn die Details auch durchführbar sind. Dieses Jahr ist der Entscheid schnell gefällt: In die Pyrenäen soll es gehen, der Abschluss soll in Canet-Plage bei Perpignan sein.

Doch bis dahin gibt es noch weitere Trainings: Eine Dreitageswanderung nach Neuenburg und eine Nachtwanderung um den Murtensee. Beide Anlässe werden unabhängig vom Wetter durchgeführt, es kann also kalt und nass werden. Bei der Dreitageswanderung wird in Waldhütten oder im Freien übernachtet. Das Training ist sichtbar. Die Ausdauer ist kaum mehr ein Problem.

Nun ist der grosse Tag da. Die Abschlussprüfungen sind vorüber, das Abschlussfest der Schule konnte bei besten Wetterverhältnissen durchgeführt werden. Die Stimmung beim Einsteigen in den Car ist ruhig, ein ganz wenig unnatürlich, denn sicher steht ein grosses Abenteuer bevor. In nur zehn Stunden verändert sich die ganze Umgebung, die Landschaft, die Temperatur, die Geräusche, und beim Aussteigen in Foix kann man nicht mehr damit rechnen, mit der deutschen Sprache auf Verständnis zu stossen. Doch da gibt es nicht viel Zeit zum Überlegen, die Zelte müssen aufgestellt werden, die Gruppen beginnen zu kochen und um acht Uhr ist die erste Lagerinformation.

Den weiteren Verlauf des Trekkings, der erbarmungslose Dauerregen während eines ganzen Tages, der eindrucksvolle Montségur und die entspannenden Tage am Mittelmeer überlassen wir dem Vorstellungsvermögen der Leser und Leserinnen.

Während des ganzen Trekkings haben sich aber alle an die Vorgaben der Leitenden zu halten. Die Nachtruhe muss eingehalten werden. Für das Outfit der Schule aus der Schweiz wird Sorge getragen. Der Konsum von Alkohol wird nicht toleriert. Es sind also viele Perturbationen möglich: Die Natur und ganz besonders die Launen des Wetters, Müdigkeit, eigene und die der Kollegen, Regeln. Es liegt auf der Hand, dass trotz Unterstützung nicht alle es schaffen, das Trekking zu bestehen. Immer wieder passiert es, dass Einzelne die Heimreise antreten oder antreten müssen. Auch das kann sehr heilsam wirken. Da ist Noël, der wegen seiner renitenten Haltung der Gruppe gegenüber am dritten Tag die Heimreise antreten müssen. Wie abgemacht, hat er sich am folgenden Tag gemeldet und mir mitgeteilt, dass er gut in der Schweiz angekommen ist. Er entschuldigte sich und erklärte, dass er unausstehlich sei, wenn er unter Stress sei. Ich habe ihn eingeladen, bei Gelegenheit ein anderes Trekking mitzumachen, er könne dann in der Zwischenzeit seine Stressresistenz trainieren. Jahre später begegne ich ihm wieder. Er erzählt mir, dass er nun lange Wanderungen unternehme und er gerne bei einem Trekking dabei sein möchte. Seitdem ist Noël bei jedem Trekking ein begehrter Hilfsleiter. Seine Erfahrungen mit den eigenen Widerständen bedeuten den andern Teilnehmern mehr als jede Theorie.

Am letzten Tag findet jeweils das Schlussritual mit dem letzten Mentaltraining statt. Sich nochmals begegnen, ein kleines Andenken in Form eines Armbandes entgegennehmen und ganz bewusst auseinander gehen, die Welt der REOSCH hinter sich lassen – oder doch nicht – das sind eindrückliche Augenblicke. Immer wieder passiert es bei späteren Begegnungen, dass der ehemalige Schüler das Portemonnaie zückt und mir das kleine Andenken, das Armband zeigt.