Zu Besuch beim Mentaltraining

Der Journalist Peter Hummel besuchte die REOSCH und sagte, dass er gern mal einem Mentaltraining beiwohnen wolle. Das war natürlich überhaupt kein Problem. Dies ist sein Bericht.

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Es ist ein regnerischer Tag in Bern, dunkle Wolken hängen über der Stadt und die Menschen mit ihren Einkaufstüten und Aktentaschen huschen unter den Arkaden griesgrämig hin und her. Es ist ein grauer Tag, einer, an den man sich schon bald kaum noch erinnern wird. Aber dann, plötzlich, so gegen 10.15 Uhr wird dieses Grau jäh unterbrochen. Eine Gruppe von 18 oder 20 Jugendlichen schlendert durch die Genfergasse, die meisten bekleidet mit bunten Mützen, viel zu großen Hosen und XXL-T-Shirts. Typische Neunt- und Zehntklässler, wie sie auf der ganzen Welt genauso aussehen, wenn sie ins Museum gehen, zum Sportunterricht ins Gebäude nebenan oder in eine Ausstellung. Ein bisschen gelangweilt, möglichst cool, Hauptsache auffällig.

Diese Gruppe in Bern überquert die Straße, betritt ein fünfstöckiges Haus, steigt zwei Etagen die Treppe hinauf und erreicht schließlich einen Raum, der an einen Ballettsaal erinnert. Alle ziehen sich die Schuhe aus, deponieren diese im Eingangsbereich und stellen sich dann im Abstand von zwei Meter zueinander im Saal auf.

Und sie stehen einfach dort. Und warten. Die Arme hängen locker nach unten.

Was schon mal ungewöhnlich erscheint, wenn man in diesem Moment an die eigene Schulzeit zurück denkt, an die eigene 10. Klasse. Hätten wir uns damals derart diszipliniert innerhalb so kurzer Zeit so geordnet aufgestellt? Vielleicht, wenn es darum gegangen wäre, eine möglichst gute Note in Betragen zu erlangen oder wenn der Lehrer an alle die, die keinen Unsinn machen, Schokolade verteilt hätte.

Aber diese Jugendlichen, die gerade noch wie eine New Yorker Rapper-Gang durch den Berner Regen stapften, stehen nun da, den Blick nach vorne – und sind einfach still. Als würde gleich etwas ganz großes passieren, etwas, nach dem man sich geradezu sehnt.

Vielleicht ist es auch genauso.

Dann tritt Jakob Widmer vor die Klasse, der Gründer der ressourcenorientierten Schule Bern. Er sagt den Schülerinnen und Schülern, dass sie die Arme kreisen lassen und dann entlasten sollen. Die Augen sind dabei geschlossen.

Alle machen mit.

Sie konzentrieren sich auf ihre Atmung, horchen in sich hinein, werden ruhiger und ruhiger. Ein Schüler links vorne hustet häufig, aber das scheint die anderen nicht weiter zu stören. Jakob Widmer auch nicht. Nach etwa fünf Minuten sagt er, dass sich nun alle auf den Boden legen sollen. Und kurz darauf liegen sie auch da, ganz entspannt, die Augen geschlossen.

Jakob Widmer steht, geht ab und zu ein paar Schritte hin und her und gibt die Anweisungen. Er redet dabei aber nicht so, wie man sich das bei einem Meditationstrainer vielleicht vorstellt. „Ich spreche ganz normal so wie im Unterricht“, sagt er, „also nicht mit einer gedämpften, betörenden Stimme, nicht mit einem vermeintlich beruhigenden Ton, sondern klar und deutlich, so dass erst gar nicht der Eindruck entsteht, dass das etwas mit Esoterik zu tun haben könnte. Diese Übungen haben bei uns eine ganz klare Funktion.“

Alle haben weiterhin die Augen geschlossen, wirken aber nicht schläfrig, sondern konzentriert.

„Stellt euch ein Aquarium vor“, sagt Jakob Widmer. „Und in diesem Aquarium schwimmt ein Fisch hin und her. Von links nach rechts und zurück, immer wieder. Verfolgt diesen Fisch ganz genau, beobachtet ihn, wie er am Rand des Aquariums eine Kurve macht und in die andere Richtung weiter schwimmt. Gebt dem Fisch eine Farbe.“

Bald darauf kommt ein zweiter Fisch in einer anderen Farbe dazu, der den ersten unaufhörlich verfolgt, dann noch ein dritter. „Beobachtet die Fische, wie sie hintereinander von links oben nach rechts unten schwimmen, immer in der gleichen Reihenfolge, auch in den Kurven.“

Dann, im Zustand der Entspannung, lenkt der Pädagoge den virtuellen Blick der Mädchen und Jungen auf eine Tafel. Auf diese Tafel zeichnet er mit Worten ein Dreieck, erklärt genau, wo die Linien verlaufen, wo die Winkel sind. Er erklärt den Satz des Pythagoras und es klingt, als wäre das ein ganz normaler Unterricht in einer ganz normalen Schulklasse. Aber hier baut sich allein in den Gedanken der Schüler ein mathematisches Problem auf, das sie zu begreifen versuchen.

a2 + b2 = c2. In allen ebenen, rechtwinkligen Dreiecken ist die Summe der Flächeninhalte der Kathetenquadrate gleich dem Flächeninhalt des Hypotenusenquadrats.

Dann folgen noch einige Atemübungen, die Schüler setzten sich auf den Boden, stehen dann auf, bewegen sich – und alles ist wie zuvor. „Wer von euch hat den Satz des Pythagoras begriffen?“, fragt Jakob in die Runde. Knapp die Hälfte hebt die Hand. „Wer hat 80 Prozent kapiert?“ Fast alle der restlichen Hände gehen nach oben.

„Mentaltraining ist für uns ganz normal“, sagt eine Schülerin, während sie wieder in ihre Schuhe schlüpft, „das gehört zu dieser Schule, das weiß man von vornherein. Ich finde das auch gut, weil man somit jeden Tag mindestens einmal zur Ruhe kommt und sich mit seinen Gedanken und mit seinem Körper beschäftigt.“

Jakob Widmer weiß, dass viele der Jugendlichen die Übungen auch zu Hause anwenden, wenn sie sich etwa nicht richtig auf eine Aufgabe konzentrieren können oder sich in einer Stresssituation befinden.

Es regnet noch immer in Bern und eine Gruppe von Neunt- und Zehntklässlern geht über die Genfergasse zurück in die Schule. Würde man einen zufälligen Passanten fragen, ob er sich vorstellen könne, was diese jungen Leute gerade gemacht haben, er käme nie auf die Idee, dass sie soeben eine buddhistische Achtsamkeitsübung samt Mathematikeinheit absolvierten.

„Meinen Freunden in der Freizeit erzähle ich das auch nicht“, sagt ein Schüler, „die würden mich für bekloppt halten, wenn ich denen davon berichte, dass ich in der Schule auf dem Boden liege und Fische im Aquarium verfolge. Aber die haben ja keine Ahnung. Die müssten das selber mal erleben, wie gut einem das tut. Keiner von denen hat jemals auf seine Atmung geachtet.“

Er schon. Und er sieht das als Vorteil.
Es ist ein Vorteil!
Ein Vorteil, der fürs Leben rüstet.

Peter Hummel