Theorie Konstruktivismus

Nichts hat Bestand als der Wechsel…

„Abschied vom Absoluten“ ist der Titel eines Buches, das sich mit den Vertretern der philosophischen Richtung des Konstruktivismus auseinandersetzt. Wenn wir in der heutigen Welt ebenfalls diesen Eindruck gewinnen, hat sich selbstverständlich nicht die „Realität“ verändert, sondern das Denken der Menschen hat sich an äussere Bedingungen angepasst. Dieses „sich dauernde Anpassen“ ist die Kernaussage der Konstruktivisten. Dieses Denken ist sicher nicht neu, der Grieche Heraklit hat es mit „alles fliesst“ ausgedrückt.

Selbst Anpassung ist Fluss…

Sich anzupassen ist nicht immer einfach, schon gar nicht, wenn wir eine „eindeutige“ Erziehung genossen haben. Diese Eindeutigkeit wurde bis in die 60er Jahre kaum in Zweifel gezogen, Normen und Dogmen beherrschten das Denken vor allem der westlichen Menschen. Selbst dieses absolute Denken war eine Anpassung, nämlich eine Anpassung an die Bedingungen der industriellen Zeit. Fliessbandarbeit verlangte nun mal Eindeutigkeit. Die wachsende Erkenntnis, dass Massenproduktion auch einen Massenkonsum bedingte, schien im 20. Jahrhundert einen Wertewandel einzuleiten. Als neuer absoluter Wert etablierte sich der Konsum. Eine geschickte Werbung, basierend auf der Forschung der Verhaltensmodifikation, trieb die Gesellschaft zu Höchstleistungen an, sowohl im Konsumieren wie auch im Produzieren. Die Mobilität zum Beispiel wurde zu einem „Wert an sich“.
Die Schule hat all diese Entwicklungen mitgemacht. Junge Menschen wurden im 19. Jahrhundert in der Schule auf ein Leben in der Fabrik getrimmt; Disziplin und Gehorsam waren deklarierte Erziehungsziele. Nach 1968 hatte die Schule nun plötzlich Spass zu machen. Lehrbücher wurden so aufbereitet, dass diese „konsumiert“ werden konnten. Die Lehrkräfte hatten interessanten Unterricht zu bieten. Gleichzeitig stiegen die Möglichkeiten, sich „zu zerstreuen“, Fernsehen und elektronische Spiele zogen die jungen Menschen in ihren Bann. Die Versuchung, das Lernen als lästige Nebensache zu betrachten, führte schliesslich zu einer neuen Art von Schulstress, die Motivation – auch bei den Lehrkräften – wurde zum Problem. Gleichzeitig veränderten sich die Familien, Alleinerziehende waren keine Ausnahmen mehr, die Eltern wurden von der Arbeits- und Konsumwelt vermehrt in Anspruch genommen, Energien flossen weg von der Erziehung hin in die Wirtschaft. Bereits Kinder werden von der Wirtschaft als Konsumenten missbraucht, der Staat hat bis jetzt jede ernsthafte Bemühung unterlassen, Zigarettenwerbung von Jugendlichen fernzuhalten. Gleichzeitig stiegen die Anforderungen der Wirtschaft an die Berufseinsteiger. Unsicherheit bei den Eltern und den Lehrkräften übertragen sich auf die Kinder, Nachhilfeunterricht, psychologische Betreuung und sonderpädagogische Massnahmen drängen sich immer häufiger auf. Zu allem Übel stellt die Pisastudie zusätzlich Bildungsmängel fest. Eine heikle Situation für Erziehungsverantwortliche: Nichts machen geht nicht, etwas verändern tönt nach Reform, und das haben viele endgültig satt. Eine Katastrophe?

Und das macht Spass…

Man kann es auch anders sehen: Wir stecken in einer schwierigen und höchst interessanten Phase eines Neubeginns und hoffentlich auch einer Neubesinnung. Bei einem wirklichen „Neudenken“ verzichten wir auf den Absolutheitsanspruch, schauen hin, hören hin, fühlen hin, riechen hin, und was schaut, hört, fühlt und riecht man? Wir teilen nicht ein in gut oder schlecht (damit würden wir wieder neue Dogmen pflanzen), sondern nehmen wahr, was ist. Machen Sie das als Übung. Schliessen Sie die Augen und „schauen“ sie hin, was Sie riechen oder hören. Bleiben Sie 10 – 15 Minuten dabei, urteilsfrei, konzentriert. Niemand weiss, was Sie erlebt haben, man weiss nur, dass es essentiell ist für Ihre Weiterexistenz. Das muss erklärt werden: Das Gehirn ist ein geschlossenes System. Über Sinneskanäle gelangen Informationen aus der Umwelt in dieses System. Lichtwellen dringen über das Auge auf die Retina und das Gehirn bildet daraus eine Wirklichkeit. Ich sehe beispielsweise ein Buch. In meinem Gehirn entsteht sofort eine Wirklichkeit. Es stellt etwa die Frage, ob es interessant ist, wer es geschrieben hat… Nehmen wir mal an, einem Analphabeten wird ein Buch geschenkt. Zum ersten Mal in seinem Leben hält er dieses Objekt in Händen. Sein Gehirn bildet eine Wirklichkeit. Vielleicht erkennt es, dass es brennbar ist und ihm die nächste warme Malzeit ermöglichen könnte. Wir sehen, eine völlig andere Wirklichkeit. Das Buch „an sich“ nennen wir „Realität“. Halten wir diese zwei Begriffe gut auseinander:
Die Realität ist das Buch, die Wirklichkeit ist das, was sich das Hirn aus diesem macht. Es ist einfach zu merken, die Wirklichkeit wirkt. Stellen Sie sich doch eine Schwarzwäldertorte vor, bald wird sich eine Wirkung einstellen (Delikatesse, Wurfkörper…).
Wenn sich verschiedene Individuen von demselben Gegenstand ganz verschiedene Wirklichkeiten bilden, stellt sich die Frage, was die Realität nun wirklich ist. Darauf kann man logischerweise keine Antwort geben, die radikalen Konstruktivisten gehen davon aus, dass es die Realität gar nicht gibt. Machen wir kein Dogma daraus, niemand verbietet Ihnen, über die Realität nachzudenken.

Denn wir bauen unsere Welt…

Kehren wir zurück zur Wirklichkeit: Ein Kind entdeckt die Wirklichkeiten Milchflasche, Spielzeug, Mutter, Vater…. In seinem Kopf entsteht seine Welt, eine Welt, die wirkt. Der Mensch baut sich seine Welt auf, konstruiert sein Leben. Überlegen wir uns einmal, was er auf diesem Bauplatz zur Verfügung hat und was er zum Gelingen seines Gebäudes, seines Lebens beitragen kann. Ob Flasche und Spielzeug wirklich da sind, darauf hat das Bébé wohl kaum Einfluss. Die Bedingungen der Umwelt sind enorm wichtig. Bedingungen in der Pädagogik, das wird uns noch beschäftigen. Noch etwas: Die Wahrnehmung über die Sinne ist Voraussetzung für den Erfolg. Können Sinne trainiert werden? Diese Frage ist ebenfalls zentral. Eines ist sicher, mit zwei Promille Alkohol im Blut wird es zu beträchtlichen Fehlleistungen kommen. Machen Sie dazu bitte keine Übung. Was ist der Sinn dieser gebildeten Wirklichkeiten? Sie ermöglichen uns den Weg durchs Leben zu finden. Die „günstige“ Wirklichkeit lässt uns auf direktem Weg von einem Ort zu einem andern gelangen, eine „ungünstige“ Wirklichkeit lässt uns vielleicht nie ankommen, das heisst, dass das Individuum stirbt. Wenn unsere Wirklichkeit den Weg möglich macht, ist sie vial. Es liegt auf der Hand, dass uns die Viabilität beschäftigen wird, denn es geht schliesslich um Leben oder Tod. In diesem Wort liegt die zentrale Forderung der Erziehung. Dazu brauchen Sie wiederum keine Übung zu machen, wenn Sie Kinder haben, wirkt jetzt etwas, da bin ich mir ganz sicher.
Übrigens: Wenn wir beim Wandern zu einem Fluss gelangen, ist es nicht nötig, das Element Wasser als Realität zu erkennen. Die Erfahrung (die ich jetzt machen kann, besser aber schon an einem Bächlein einmal gemacht habe), dass mich Wasser nicht trägt, genügt mir. Das heisst, dass die Wirklichkeit der Realität nicht entsprechen muss, darf ihr aber nicht widersprechen. Schwierig zu verstehen? Es ist vorderhand noch nicht so wichtig, diese Erkenntnis kann sich im Leben auch langsam einstellen.

Und lernen, indem wir handeln und uns irren…

Wichtig scheint mir die Erkenntnis zu sein, dass wir niemandem etwas „beibringen“ können. Der Mensch sucht sich, was ihn weiter bringt, was ihm nützt. Das kleine Kind nimmt wahr, dass die Erwachsenen aufrecht gehen. Es ihnen nachmachen, muss es schon selbst tun.
Das Kind vergleicht die Konstruktion der Erwachsenen. Es stellt fest, dass diese offenbar mit ihrer Gangart recht glücklich sind, also ist diese erlernenswert, obwohl es dabei hundert Mal auf die Nase fällt. Auf Grund dieser nicht verbalen Kommunikation bildet sich das Kind eine Objektivität, die ihm das Leben viabel macht. Die Umwelt teilt sich dem Kind aber auch direkt mit, die heisse Herdplatte wird zu einer Realität, ein Versuch hat das Kind zu dieser Erkenntnis geführt. Ein anderer Versuch hat zu einer ganz andern Erkenntnis geführt, nämlich dass Schokolade gut schmeckt. Die erste Begegnung mit dem Zahnarzt führt dann vielleicht zur Erkenntnis, dass Schokolade auch seine negative Seite hat. Wäre diese Erkenntnis schon früher möglich gewesen? Selbstverständlich, nämlich über die Kommunikation. Die Frage ist nur, wie glaubwürdig eine Warnung klingt, aus irgendeinem Grund muss Schokolade doch produziert worden sein. Das Kind macht also den wichtigen Lernschritt erst beim Zahnarzt, es braucht Schmerzen, die Krise bringt die Erkenntnis.

Wir nutzen Krisen…

Statt „Krise“ brauchte der Schweizer Pädagoge Piaget den Ausdruck „Ungleichgewicht“. Dass alle andern aufrecht gehen, bringt das Kind in ein Ungleichgewicht und es lernt etwas völlig Neues. Piaget nennt diesen Vorgang „akkomodieren“ . Später möchte der heranwachsende Mensch vielleicht ein guter Athlet werden, ist also wieder in einem Ungleichgewicht. Er nimmt folglich ein Training auf, lernt sich noch schneller zu bewegen. Er baut also auf etwas auf, das er schon gelernt hat, Piaget nennt dies „assimiliern.
Das heisst also:

  • dass lernen Auseinandersetzung ist (Kommunikation und Handlung),
  • dass der Mensch nur lernt, wenn er aus dem Gleichgewicht ist,
  • dass Lehrkräfte Störenfriede sein dürfen,
  • dass in der Erziehung die „Viabilität“ vorbereitet wird,
  • dass Schule nichts anderes ist als eine viable Lernumgebung,
  • dass die Achtsamkeit bedeutsam ist,
  • dass Leben auch Auseinandersetzung ist.

Und lernen dabei, worauf es im Leben ankommt

An der REOSCH steht dieser Ansatz im Mittelpunkt. Die Schule konstruiert sich selbst. Die Erfahrungen der letzten Jahre stimmen zuversichtlich. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Schüler und Schülerinnen motiviert sind. Die Lernumgebung wird als solche wahrgenommen Besonders erstaunt die Feststellung, dass Jugendliche nach neun Jahren Erfahrung an der normalen Schule sich schnell in diesem neuen Umfeld wohl fühlen und mit grosser Motivation lernen. Wir haben auch die Erfahrung gemacht, dass das günstige schulische Umfeld hart erkämpft werden muss: Kiffen zum Beispiel täuscht ein Gleichgewicht vor, verunmöglicht also das Lernen, Disziplin erweist sich als lernförderlich.
„Was muss ich machen?“ oder „Was mache ich?“, das sind die Fragestellungen des Schülers in zwei ganz verschiedenen Lernkulturen. Damit Schüler und Schülerinnen eigenständig lernen können, braucht es eine Planung. Im Arbeitsjournal planen und dokumentieren die REOSCH-Schüler ihre Arbeiten. Ihnen ist der Erfolg wichtig, also suchen sie die Unterstützung der Lehrkräfte bei der Planung. Dass für die weitere berufliche Laufbahn der Lehrplan wichtig ist, ist allen schnell klar. Jeder und jede hat also immer „zu tun“, kommt häufig in Stress, weil er /sie fürchtet, das Programm nicht erfüllen zu können, fordert Hilfe und Trainings von den Lehrkräften. Lernkontrollen bewerten Lehrer und Schüler gemeinsam. Im wöchentlichen Beratungsgespräch stehen die Fortschritte im Mittelpunkt, wenn nötig stellt die Lehrkraft auch klare Forderungen (aus dem Gleichgewicht bringen).
Im Mentaltraining trainieren die Schüler und Schülerinnen ihr Konzentrationsvermögen (Achtsamkeit), das Vorstellungsvermögen, das Körperbewusstsein. Das bewusste Atmen lenkt ihre Aufmerksamkeit weg von der reinen Kognition hin zum Emotionalen.
Im Energietagebuch reflektieren die Schüler und Schülerinnen ihre psychische Befindlichkeit.
Leben ist (auch) Kampf. Kampf bedeutet Auseinandersetzung. Wenn im Kampf Aggression sich breit macht, ist der Kampf meist verloren. Deshalb üben sich die Schüler und Schülerinnen in der Kampfkunst (Kung-Fu und Aikido) . Die Kultur der Auseinandersetzung wird gepflegt, Lehrer und Lehrerinnen fordern, begründen und fördern (Viabilität).

Vergleich Instruktivismus – Konstruktivismus

Aus dem Konstruktivismus darf keine neue Lehre gemacht werden. Offenheit ist konstruktivistische Haltung, also auch Offenheit allen Methoden gegenüber. Die Frage stellt sich, was bei der jeweiligen Methode gelernt wird, resp, was das Lernziel ist. Zu beachten ist, dass auch instruktivistische Schulmodelle konstruktivistische Komponenten aufweisen. Die Resultate neuer Hirnforschung weisen darauf hin, dass der Mensch hauptsächlich konstruiert, aufbaut. Nicht nur die Muskeln, auch das Hirn bildet sich offenbar nach Bedarf.

Instruktivismus Konstruktivismus
Voraussetzung des Lernenden
  • Hat Vorwissen
  • Will grosse Stoffmengen
  • Keine Erfahrung
  • Hat Vorwissen
  • Praxiserfahrung
Prozess des Lehrens Wissenstransport unabhängig von Inhalt, Kontext, Zeitfaktor, Person Anregend, unterstützend, beratend, individuell
Unterrichtsdynamik
  • Anfangsschwierigkeiten
  • Ängstlich
  • Ungewissheitsorientiert
  • Mutig
  • Überlegend
Position des Lehrenden Präsentiert und erklärt Problemsituationen und „Werkzeuge“ zur Verfügung stellen
Prozess des Lernens Rezeptiver Prozess, linear, systematisch Aktiv-konstruktiv, kontextuell, nicht vorhersagbar
Position des Lernenden Passives Gefäss für Wissen Aktiv, selbstgesteuert
Evaluation Evaluation ist wichtig, Unterrichtsergebnis ist messbar Beurteilt wird der Prozess, nicht das Ergebnis
Annahmen zu Inhalten und Zielen Wissenssysteme sind klar strukturierbar Unabgeschlossen, denken und handeln wie Experten

Diskussion

Es ist klar, diese Ausführungen sind bestenfalls ein Gerüst. Das Wesen des Konstruktivismus liegt gerade darin, dass er sich schlecht beschreiben lässt; alles fliesst. Erfahrungen und Haltung kommen vor Theorie. Die Theorie soll bestenfalls bündeln, was die Erfahrung zeigt.