Nico, 17, 11. Klasse

Ich bin inzwischen seit etwas mehr als eineinhalb Jahren an dieser Schule. Vorher war ich an einer ganz normalen Oberstufe an einer staatlichen Schule außerhalb von Bern. Wenn ich heute die beiden Schulen vergleiche, dann ist der größte Unterschied der, dass an meiner alten Schule immer alles vorgegeben wurde, und wer das nicht erfüllt hat oder nicht erfüllen konnte, war bei den Lehrern unten durch. Hier mache ich nun die Erfahrung, dass jeder Schüler einzeln und ganz individuell gefördert wird. Man achtet auf das, was einer wirklich kann und das wird gepusht.

Meine Leistungen an der vorherigen Schule waren alles andere als gut und die Lehrer haben viel mit mir geschimpft. Ich glaube sogar, dass sie die Hoffnung in mich irgendwann komplett verloren haben.

Jakob Widmer sagt immer, dass ich ein Querdenker bin. Leider haben es Querdenker an vielen Schulen nicht gerade leicht, weil sie zusätzlich Arbeit bereiten. Querdenker verstehen vieles nicht auf Anhieb und suchen nach eigenen Lösungswegen, die aber oft als falsch angesehen werden.

Das sorgte für ziemlich viel Stress mit den Lehrern, weil ich dann auch wütend wurde, wenn sie mich angegriffen haben. Die Kommunikation fehlte dort komplett. Sie war nicht nur zwischen Lehrern und Schülern schlecht, sondern auch unter den Schülern. Irgendwann stand ich ziemlich alleine da und wusste nicht mehr weiter.

In dieser Zeit stürzte ich mich in mein Hobby, die Musik. Ich spiele Gitarre in drei Bands, schrieb damals viele Lieder zusammen mit einem guten Freund. Ich suchte nach einem Ventil.

Auf Schule hatte ich überhaupt keine Lust mehr. Meine Eltern, vor allem meine Mutter, haben mich aber gebeten, das eine Jahr noch fertig zu machen, um dann in Ruhe nach einer Lösung suchen zu können. Die Mutter eines ehemaligen REOSCH-Schülers arbeitet als Lehrerin mit meiner Mutter zusammen und erzählte ihr von diesem Projekt. So kamen wir zusammen zu einem Gespräch hierher – und ich war von Anfang an davon überzeugt, dass das genau das ist, was ich suche. Was ich brauche. Was mich weiter bringt.

Ich weiß, dass ich ADHS habe, eine Aufmerksamkeitsstörung verbunden mit Hyperaktivität, und nehme dagegen seit sieben Jahren Medikamente. Die tun mehr sehr gut, was ich vor allem dann spüre, wenn ich sie mal nicht nehme. Dann fühle ich anders, denke anders, denke kompliziert, bin beim Mentaltraining nicht richtig bei der Sache. Wenn ich sie jedoch nehme, bin ich viel strukturierter, kann mir meinen Tag und meine Arbeit viel besser einteilen. Klar, Medikamente sind keine Lösung für alle Probleme, ich war am Anfang auch skeptisch, meine Eltern ebenso, aber sie helfen mir immerhin im Moment, das Chaos in mir zu beherrschen.

Seit ich an dieser Schule bin, weiß auch genau, was ich später werden möchte: Sozialpädagoge. Ich machte bereits eine Schnupperlehre in einem Kinderzentrum an unserem Ort und weiß, dass es für diesen Berufswunsch keine Alternative gibt. Weil ich Kinder und Jugendlichen helfen will, die ähnliche Probleme haben, wie sie ich mal hatte. Durch meine eigenen Erfahrungen weiß ich, wie sie sich fühlen und habe dadurch sicher einen besseren Zugang zu ihnen.

Derzeit ist mein Leistungsstand mittelmäßig bis gut. Ich selber bin eigentlich zufrieden mit mir, manchmal auch stolz. Und es gibt Tage, an denen ich innerlich mit mir ringe, mich nicht hängen zu lassen.

Mein heutiger Tag zum Beispiel war ganz gut. Ich bin um 7.15 Uhr zu Hause los gefahren, hatte dann Tai Chi, was mir sehr hilft, mich optimal auf den Tag einzustimmen, langsam zu starten. Der Unterricht begann um 8.30 Uhr. Zunächst wusste ich nicht so recht, was ich arbeiten soll, machte mich dann aber an die Ausarbeitung eines Dialogs für Französisch am Freitag. Ab zehn Uhr habe ich ein bisschen Max Frisch gelesen: Biedermann und die Brandstifter. Es folgte das Mentaltraining, Englisch und Deutsch. Schulschluss war gegen 15 Uhr. Danach holte ich meine Freundin am Gymnasium ab, fuhr mit ihr zusammen nach Hause und übte Gitarre.

Ganz gut, oder?